Bericht vom UXcamp Europe 2022

Am 4. und 5. Juni 2022 war es so weit. Nach zwei Jahren Isolation trafen sich hunderte UX Professionals aus der ganzen Welt wieder in Berlin und ich hatte das große Glück eines der begehrten Tickets zu ergattern. Es war ein inspirierendes Wochenende mit vielen spannenden Vorträgen, Workshops und Gesprächen. In dem Bericht geht es um eine kleine Zusammenfassung meiner persönlichen Highlights auf dem UXcamp Europe 2022.

Foto: UX&I © Jeremy Knowles

Mein Erfahrungsbericht

Um 10 Uhr trafen sich alle Teilnehmer:innen im Hörsaal der Humboldt-Universität. Jeder der im Saal anwesenden hatte die Möglichkeit sich aktiv am UXcamp zu beteiligen und konnte eigene Sessions anbieten. Innerhalb von 30 Sekunden pitcht eine Person eine Idee und es wird direkt nach dem Pitch per Hand vom Publikum abgestimmt, welches Thema spannend ist und wie viele interessiert sind. 

Foto: UX&I © Jeremy Knowles

Nach der Session Planung kann jede:r Teilnehmer:in frei entscheiden an welchem Format man teilnehmen möchte. Etwas überfordert von der großen Auswahl, entschied ich mich für folgende Themen:

Tag 1
Not exactly Research Ops
Design Operations – Scope, Stakeholder und Samples (MIRO)
Building the BARMER crossplatform mobile Design System
SAME SAME BUT DIFFERENT
How do we want to work? 

Tag 2
Design at the strategy table 
The Iceberg Model of UX Culture
Who is the Lead
The best strategy is to have a strategy
15 Lessons from 15 Years in the industry

Foto: UX&I © Jeremy Knowles

Meine persönliche Zusammenfassung
5 Talks im Detail 

1. How do we want to work?

Die Frage: Wie möchten wir zusammenarbeiten beschäftigt mich seit ein paar Jahren sehr intensiv und durch Corona wurde das Thema in der breiten Masse präsent. Durch das hybride Arbeiten und die damit verbundene Selbstorganisation gibt es viele neue Möglichkeiten Arbeit neu zu denken und da ich seit Oktober 2021 in einem selbstorganisierten Unternehmen arbeite, konnte ich mir den Talk von Manuel Stieglitz-Hartmann, Senior UX/UIE-Berater und Christian Korff, Senior UX-Berater von UX&I nicht entgehen lassen. Beide arbeiten auch in so einem Unternehmen, das einen soziokratischen Stil verfolgt. Sie erklärten den Teilnehmer:innen die soziokratische Kreisorganisation (Zirkel-Struktur), die ähnlich aufgebaut ist, wie die von DAYONE. Sie gaben einen kleinen Einblick in die sogenannte Zirkel-Struktur und wir vereinbarten einen Anschlusstermin, wo wir noch etwas tiefer in die ein oder anderen Fragestellung hineingegangen sind.

2. SAME SAME BUT DIFFERENT

Ein weiterer spannender Vortrag war auf jeden Fall von TestingTime Gründer Reto Laemmler der das Buch „The Culture Map“ von Erin Meyer vorstellte.

Hintergrund zum Buch: The Culture Map 

In dem Buch „Culture Map“ wird das Acht-Skalen-Modell vorgestellt, mit dem verhaltensbasierte, kulturelle Unterschiede veranschaulicht werden. Die Skalen verdeutlichen, wie sich Kulturen in einem Spektrum zwischen verschiedenen Extremen voneinander unterscheiden. Das Modell hilft, die Herausforderungen in international zusammenarbeitenden Teams besser zu verstehen und Strategien der Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Reto Laemmler berichtet von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem internationalen Team bei TestingTime und zeigt dem Publikum verschiedene Beispiele, die wir in der Gruppe zusammen durchgehen. Er erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen aus dem Silicon Valley und dem einfachen Beispiel einer Präsentation. Eine klassisch deutsche Präsentation, wo alles bis ins letzte Detail dargestellt und erläutert ist und der absolute Gegensatz eine amerikanische Präsentation, die schnell zum Punkt kommt und nicht alles bis in das kleinste Detail herleitet.

Die acht Skalen am Beispiel: Schweiz und Deutschland

  1. Kommunikation: kontextarm vs. kontextreich
  2. Beurteilen: direktes negatives Feedback vs. indirektes negatives Feedback
  3. Führen: egalitär vs. hierarchisch
  4. Entscheiden: im Konsens vs. von oben nach unten
  5. Vertrauen: auf der Arbeit beruhend vs. auf Beziehungen beruhend
  6. Widersprechen: konfrontativ vs. Konflikt vermeidend
  7. Terminplanung: zeitlich linear vs. zeitlich flexibel
  8. Überzeugen: von Prinzipien ausgehend vs. von Anwendungsfällen ausgehend

Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verhalten sich oft unterschiedlich, das liegt meistens nicht an der Persönlichkeit. Es ist ein grundsätzlich anderes Verständnis von Beziehungen und von der Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird. Was privat vielleicht okay ist, kann im geschäftlichen Kontext schnell zum Hindernis werden. Die Skala hilft im Ansatz, das nötige Verständnis für sein Gegenüber zu entwickeln und kann somit zur besseren Kommunikation in internationalen Teams beitragen.

Auf der Seite von Erin Meyer kann man sich die Unterschiede genauer anschauen und zusammenstellen. Der Link: https://bit.ly/3N72AzT

3. Building the BARMER crossplatform mobile Design System

Vor ein paar Monaten las ich davon, dass IBM iX Silber beim Deutschen Digitalaward (DDA) für seine Mobile Experience 2022 gewann. In der Session gab Klaus Rüggenmann, Senior Director Experience Design UX, IBM iX einen Einblick in die Zusammenarbeit mit der BARMER und wie das digitale Design System entstanden ist und was die Learnings sind. Es gab Einblicke in die Frontend-Strategie, eine Analyse der UI Welt und den Weg zum Research in 5 Wochen von den ersten Insights über Praxisbeispiele, die Tool-Auswahl bis hin zur Organisation eines Design Teams.

Im zweiten Teil gab es einen Einblick in Storybook, Sketch, InVision und zum Ende hin gab es auch nochmal einen exklusiven Einblick in das Design System der BARMER.

Ein Einblick in das Projekt

4. The Iceberg Model of UX Culture

Rolf Molich, DialogDesign, aus Dänemark präsentierte das Eisbergmodell von Edward T. Hall, was sich mit dem Thema Unternehmenskultur beschäftigt, welches ich aus dem Studium schon kannte. Dabei handelt es sich um ein beliebtes Modell, um die Unternehmenskultur anhand eines Eisberges einfach zu erklären.

Es visualisiert, wie die sichtbaren und leicht zugänglichen Elemente der Unternehmenskultur und die nicht sichtbaren, verdeckten Anteile des Verhaltens in Organisationen zusammenhängen.

Der sichtbare Teil beschreibt die Facetten der Unternehmenskultur auf der Sachebene. Hier können wir offensichtlich kommunizierte Ziele, Regeln, ausgesprochene Verhaltensnormen, klaren Artefakte wie Arbeitsmethoden und eingesetzte Technologien beobachten. Der nicht sichtbare Teil ist der deutlich größere Anteil der Unternehmenskultur und befindet sich verdeckt unter der Oberfläche. Dieser Teil enthält Werte, Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse sowie leitende Grundannahmen. Im Eisbergmodell wird dieser Teil der Beziehungsebene zugeordnet. Um eine gute Kultur zu gewährleisten, muss an der Haltung, Denkweisen und Grundannahmen gearbeitet werden, um eine Transformation erfolgreich zu meistern. Aufgelockert wurde der Vortrag durch den Begriff HiPPO. Noch nie gehört?


HiPPO – highest Paid Person’s Opinion

Das HiPPO (Nilpferd), um das es geht, ist die „Meinung einer hoch bezahlten Person“. Wir alle kennen sie: die Person, die aus dem Bauch heraus handelt, die eine Entscheidung trifft und unabhängig vom Ergebnis daran festhält, da sie denkt, dass sie im Recht ist und alles weiß. Studien zeigen, dass die Nilpferde in 48 Prozent der Fälle keinen zusätzlichen Nutzen bringen.

Die Zusammenfassung:
Oberflächenkultur vs. Tiefenkultur

Beispiele für eine Oberflächenkultur:

  • Leere Aussagen von Managern, UX Visionen, Styleguides & Usability Labs, die nicht gelebt werden


Beispiele für Tiefenkultur:

  • Was das Management tut, Engagement für UX-Visionen, Befolgung des Styleguides und gute Usability Labs
  • Engagement bedeutet, nicht das zu tun, was man tun möchte, weil es zu schwierig ist, teuer oder unpraktisch ist, sondern das, was wirklich wichtig ist
  • Unternehmenskultur kann z.B. beeinflusst werden, indem die Mitarbeiter eingeladen werden zu Usability Tests, einfache Sprache verwendet und Beispiele gezeigt werden
  • Geduld und Demut zahlt sich aus!

5. Who is the Lead

Eine weitere spannende Diskussion, die ich besucht habe, war das Thema „Who is the Lead“. Los ging es mit der Frage: Ist ein Lead ein Macher oder ein Anführer? In offener Runde diskutierte das Publikum die Definition. Eine finale Definition gab es am Ende nicht, denn die Position und die Anforderungen sind je nach Unternehmen sehr individuell und die Meinungen im Raum sehr unterschiedlich. Spannend war eher, die verschiedenen Definitionen und Perspektiven von allem im Raum zu hören und zu reflektieren. 

Meine persönliche Definition:

„Für mich ist ein Lead eine Person, die dem Team als Guide zur Seite steht und auf Augenhöhe kommuniziert.
Ein Lead fördert die einzelnen Mitglieder, nimmt sich selbst zurück, holt das Beste aus dem Team heraus und hat eine hohe emotionale Intelligenz.“

Mein Fazit

Von dem Thema Unternehmenskultur und neue Arten der Zusammenarbeit über psychische Gesundheit am Arbeitsplatz oder aber Inklusion wurde ein breites Spektrum an UX-Themen diskutiert. Die zwei Tage haben sich, trotz anfänglicher Überforderung vom Angebot der vielen großartigen Beiträge, wie immer gelohnt. 
Ich habe mich gefreut, neue und alte Gesichter aus der UX Szene endlich mal wieder live wiederzusehen. Ein großes Lob an die Organisatoren. Der Termin für das kommende Jahr steht auch schon fest. Das UXcamp Europe wird von 3.06.23 bis 4.06.23 stattfinden. Bis zum nächsten Jahr!

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